Brüggen unter wechselnden Herren – Von den Anfängen bis 1794

Was war der Mühlgau – und was hat das mit Brüggen zu tun?

Der Mühlgau war ein frühmittelalterlicher Verwaltungsbezirk am Niederrhein.
Er taucht erstmals 837 in einer Urkunde Ludwigs des Frommen auf.
Das Gebiet gehörte zum größeren karolingischen Gau Hattuarien und lag zwischen den Bistümern Lüttich und Köln.

Brüggen lag mittendrin.
Im 14. und 15. Jahrhundert trug die Stadt sogar ausdrücklich den Zusatz in der Moelen – so hieß der Mühlgau damals volkstümlich.
Zum Beispiel: Brucge in der Moelen (1355) oder Brugge in der Moellen (1448).

Wer herrschte zuerst über Brüggen?

Wappen von Kessel
Wappen von Kessel

Die Grafen von Kessel.
Sie trugen das Land zwischen Maas und Niers als Lehen der Grafen von Geldern.
Ihre Stärke beruhte vor allem auf Vogteirechten über reiche Klöster der Region.

Ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts geriet das Grafengeschlecht jedoch in Schwierigkeiten.
Falsche Bündnisse, wachsende Schulden und die allgemeine Geldentwertung zermürbten das Haus.

Warum wurde die Burg Brüggen gebaut?

Graf Heinrich (V.) von Kessel hatte 1279 sein Stammland verkaufen müssen.
Er residierte fortan in Grevenbroich – aber damit fehlte ihm ein Verwaltungszentrum für die östlichen Ländereien.

Als Ersatz ließ er an einem Schwalmübergang eine neue Burg errichten.
Das war Burg Brüggen.
Um den Bau zu finanzieren, verkaufte er 1281 seinen Hof Reisdorf an das Deutschordenshaus in Koblenz.
So zumindest legt es die Forschung nahe.

Wann wurde die Burg erstmals urkundlich erwähnt?

Übertragungsurkunde BrüggenAm 24. Dezember 1289.
An diesem Tag übertrug Walram von Kessel die Burg an Herzog Johann von Brabant und empfing sie sofort als Lehen zurück.
Damit sicherte er sich den Schutz des mächtigen Brabanter Herzogs.

Die Urkunde nennt castrum nostrum Brucge – unsere Burg Brüggen.
Das ist gleichzeitig die älteste bekannte Erwähnung des Namens Brüggen überhaupt.

Wer war Walram von Kessel?

Walram war zunächst Geistlicher – Propst im Domkapitel Münster.
Nach dem kinderlosen Tod seines Bruders Heinrich 1285 trat er das weltliche Erbe an.
1295 gab er seine Ämter auf und heiratete Katharina von Kleve.

In seinen letzten Lebenstagen urkundete er noch auf Burg Brüggen.
Am 18. Oktober 1304 übertrug er dem Kloster St. Pantaleon den Zehnten in Boisheim – und bat um Vergebung für Unrecht, das er als Vogt angerichtet hatte.
Zwei Tage später war er tot.

Walram hatte keine Kinder.
Damit endete das Grafengeschlecht von Kessel – und Brüggen bekam neue Herren.

Wie kam Brüggen zu Jülich?

Graf Gerhard VII. von Jülich beanspruchte nach Walrams Tod 1304 die Herrschaft über Brüggen.
Walrams Witwe Katharina machte offenbar keine Ansprüche geltend.
Bereits im April 1305 tritt Gerhards Beamter in einer Brüggener Urkunde auf.

Mit Brabant einigte er sich schnell: Er wurde mit Brüggen belehnt, genau wie zuvor Walram von Kessel.
Im Lehnsbuch Herzogs Johann III. steht dazu: Gerardus comes juliacensis tenet Brugghe et Dulke.
Dieses Lehnsverhältnis hielt anderthalb Jahrhunderte.

Außerdem gilt Gerhard als Initiator der jülichschen Ämterverwaltung.
Unter ihm wurden Oberkaldenkirchen und Bracht eingegliedert.
Das Amt Brüggen bildete damit erstmals einen geschlossenen Verwaltungsbezirk.

Wann bekam Brüggen Stadtrechte?

Das lässt sich nur indirekt erschließen.
Als 1364 die jülichschen Städte einem Landfriedensbündnis beitraten – darunter Dülken und Dahlen –, fehlte Brüggen noch in der Liste.
Der Ort hatte damals also noch keine städtische Qualität.

Was verstand man damals unter Stadtrechten?

Stadtrechte waren ein Bündel von Privilegien, das ein Ort vom Landesherrn verliehen bekam.

Dazu gehörten das Recht, Märkte abzuhalten, Zölle zu erheben und eine eigene Stadtmauer zu bauen.
Bürger durften außerdem einen Rat wählen und hatten eine eigene Gerichtsbarkeit.
Wer in die Stadt zog und ein Jahr und einen Tag dort lebte, war in vielen Fällen von der Leibeigenschaft befreit – daher das mittelalterliche Sprichwort: „Stadtluft macht frei.“

Was war die moersische Pfandschaft?

Im Jahr 1421 verpfändete Herzog Rainald von Jülich-Geldern Schloss, Stadt und Amt Brüggen an Graf Friedrich III. von Moers – für 12.000 rheinische Gulden.
Er brauchte dringend Geld und hatte keine andere Wahl.

Die Moerser waren damals auf dem Höhepunkt ihrer Macht.
Durch Pfandschaften kontrollierten sie zeitweise ein Gebiet, das doppelt so groß war wie ihre eigentliche Grafschaft.
Brüggen war ein wichtiger Teil davon.

Eingelöst werden konnte Brüggen so schnell nicht.
Die Moerser rechneten auch Baukosten am Schloss gegen die Summe.
So stiegen die Ansprüche bis 1450 auf 55.000 Rheinische Gulden – das Doppelte der ursprünglichen Summe.

Was hatten die Burgunder mit Brüggen zu tun?

Karl der Kühne 1460
Karl der Kühne um 1460

Karl der Kühne von Burgund griff 1473 militärisch am Niederrhein ein.
Im Juni fiel er in das Oberquartier Geldern ein und unterwarf eine Stadt nach der anderen.
Die Burg Brüggen kapitulierte am 21. Juni 1473 – etwa gleichzeitig mit Venlo.

Karl setzte seinen Vertrauten Olivier de la Marche als Drosten von Brüggen ein.
De la Marche war kein Unbekannter: Hofmeister, Diplomat und Chronist Karls des Kühnen.
Er nahm auch an der Belagerung von Neuss 1474–1475 teil – was die Bevölkerung des Amtes zusätzlich belastete.

Das Ende kam mit Karls Tod bei Nancy am 5. Januar 1477.
Damit endete auch die burgundische Herrschaft über Brüggen.

Wie kam Brüggen dauerhaft zurück zu Jülich?

Das zog sich hin. 1480 übergab der alte Graf Vinzenz von Moers die Pfandschaften vorübergehend an Herzog Wilhelm von Jülich-Berg.
1493 trat er schließlich alles an Graf Wilhelm von Wied ab – den Mann seiner Enkelin.

Im Juni 1494 gab Wilhelm von Wied die Pfandschaften an den Herzog zurück.
Am 7. Januar 1495 forderte der Herzog die Gemeinden des Amtes auf, ihm zu huldigen.
Er versprach dabei, ihre alten Rechte und Freiheiten zu bestätigen.

Welche Herzöge regierten Brüggen danach?

Nach dem Aussterben der Linie Jülich-Berg 1511 folgte Johann aus dem Haus Mark.
Als 1521 auch sein Vater starb, vereinigte Johann III. die Länder Kleve-Mark und Jülich-Berg zu den „Vereinigten Herzogtümern“.

Sein Sohn Wilhelm V. „der Reiche“ regierte ab 1539.
Er hätte fast auch Geldern hinzubekommen – aber Kaiser Karl V. ließ das nicht zu.
Im Frieden von Venlo 1543 musste Wilhelm darauf verzichten.

1609 starb der letzte Herzog von Jülich-Kleve-Berg ohne Nachkommen.
Im Vertrag von Xanten 1614 wurde das Erbe aufgeteilt: Jülich und Berg fielen an Pfalz-Neuburg, Kleve und Mark an Brandenburg.

Wann endete die alte Herrschaft über Brüggen?

1794, als französische Revolutionstruppen das linksrheinische Herzogtum Jülich besetzten.
Das war das Ende des Alten Reiches für diese Region.
Der letzte Landesherr, Kurfürst Karl Theodor, regierte Jülich-Berg da längst von München aus.

Ein stiller Abschiedsgruß ist noch heute sichtbar: Das Renteigebäude mit der integrierten Schwalmpforte wurde 1770 unter Karl Theodor neu errichtet.
Der Keilstein der Eingangstür trägt bis heute seine Initialen.


Quellen: Willi Gensicke / Andreas Volkmer: Brüggen und Born unter wechselnden Landesherrschaften von den Anfängen bis 1794, in: Geschichte der Gemeinde Brüggen (2007).