St. Mariä Himmelfahrt Bracht: Von mittelalterlicher Pracht zum dramatischen Turmeinsturz

Entdecke die Geschichte der ältesten Kirche in Bracht


Wann wurde die Kirche in Bracht erstmals erwähnt?

  • Bereits 1291 taucht die Pfarre – und damit auch die Kirche – erstmals in einer Urkunde auf.
  • Das älteste Schöffensiegel von Bracht und Kaldenkirchen stammt aus der Zeit vor 1335. Es deutet auf das Marienpatrozinium hin – also die Weihe an die Jungfrau Maria.
  • Über den allerersten Kirchenbau weiß man kaum etwas. Bislang fanden keine archäologischen Grabungen am Ort statt.

Wann baute man die heutige Kirche?

  • Im späten 15. Jahrhundert ließ Pfarrer Paul Schlepelen eine neue Kirche errichten.
  • Am alten Westturm stand einst die Jahreszahl 1484 – sie bezeichnete nach damaliger Sitte den Baubeginn, nicht die Fertigstellung.
  • Die Bauarbeiten liefen von West nach Ost: zuerst der Turm, dann das Schiff, zuletzt der Chor.
  • Insgesamt dauerte der Bau gut 30 Jahre. Den Chor vollendeten die Handwerker wohl erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts.

Was machte den alten Kirchturm so besonders?

  • Der ursprüngliche Westturm war gewaltig: fast 34,5 Meter hoch und über 11 Meter breit.
  • Handwerker zierten ihn mit spätgotischem Blendmaßwerk – mit liegenden Fischblasen und Zwickelblasen, typisch für das ausgehende 15. Jahrhundert.
  • Den Eingang schmückte ein sogenanntes Fensternischenportal – am Niederrhein eine sehr beliebte Portalform.
  • Der Turm ragte weit ins Mittelschiff hinein und wirkte damit noch mächtiger als heute vorstellbar.

Warum stürzte der Turm ein – und wie reagierte die Gemeinde?

  • Im November 1800 richtete ein schwerer Sturm erste Schäden an der Kirche an.
  • Am 23. Februar 1828 erschütterte ein Erdbeben den Turm und riss die Westseite auf.
  • Am 9. Juni 1830 brach die nördliche Turmhälfte in sich zusammen. Dabei riss sie Teile des Mittelschiffs und des nördlichen Seitenschiffs mit.
  • Beim Abtragen der Turmreste am 31. Juli stürzten Steine auf ein Haus am Kirchhof. Dabei starben drei Menschen.
  • Der König half kaum – also zahlte die Gemeinde selbst. Die Pfarrangehörigen leisteten über 1.600 Hand- und fast 400 Spanndienste beim Materialtransport.
  • Schon im April 1831 begannen die Bauarbeiten am neuen Turm. Im September stand das Mauerwerk, und noch im selben Jahr setzte man den Helm auf.

Wie sieht die Kirche heute aus?

  • St. Mariä Himmelfahrt ist eine dreischiffige, vierjochige Stufenbasilika aus Backstein mit Kreuzrippengewölben.
  • Mit Turm misst sie rund 45 Meter in der Länge und 18,25 Meter in der Breite.
  • Am heutigen Westturm (8,20 m Seitenlänge) versteckt sich ein Chronogramm – darin steckt als Zahlenwert die Jahreszahl 1831.
  • Der kupfergedeckte Knickhelm des Turmes ragt fast 16 Meter in die Höhe.
  • Zwischen 1865 und 1868 erhöhte Kreisbaumeister Lange den Turm um ein viertes Geschoss.
  • Eine Mauer begrenzt den Kirchhof – sie stammt vermutlich aus dem späten 16. Jahrhundert oder der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Was ist das Besondere am Gewölbe des Chors?

  • Im Chor spannt sich ein halbiertes Stern- und Parallelrippengewölbe – in der Region eine echte Rarität.
  • Diesen Gewölbetyp erfanden Baumeister im Prager Domchor (vollendet 1385) – und von dort verbreitete er sich weiter.
  • Am nächsten verwandt ist das Brachter Gewölbe mit dem der Taufkapelle der Venloer St. Martinuskirche. Das zeigt, wie eng die Bautraditionen im niederrheinisch-maasländischen Raum miteinander verknüpft waren.

Welche Kunstschätze findet man in der Kirche?

  • Die Brachter Madonna (um 1320) zählt zu den bedeutendsten Werken aus dem Umkreis der Kölner Skulpturenschulen.
  • Im Chorraum hängt ein spätmittelalterlicher Kruzifixus (um 1480/90) – mit einem charakteristisch s-förmig geschwungenen Körper.
  • Das Taufbecken (um 1700) aus Messing und Kupfer ruht auf einem steinernen Sockel.
  • Den Hochaltar übernahm man aus dem Dülkener Kreuzherrenkloster. Sein spätbarockes Retabel zeigt die Himmelfahrt Mariens, flankiert von Augustinus und Norbert.
  • Außerdem zieren eine Mondsichelmadonna und ein hl. Sebastian aus dem 18. Jahrhundert den Innenraum.

Wie alt sind die Glocken der Kirche?

  • Die Marienglocke stammt aus dem Jahr 1414 – sie ist damit über 600 Jahre alt und läutet noch heute.
  • Eine weitere Glocke goss Johann von Venlo im Jahr 1484 – genau dem Jahr, in dem auch der TurmBau begann.
  • Die beiden großen Glocken kamen 1950 hinzu und ersetzen damit die im Krieg verlorenen Vorgänger.

Was verrät die Orgel über die Geschichte der Kirche?

  • Die Firma Romanus Seifert & Sohn aus Kevelaer baute die heutige Orgel im Jahr 1953.
  • Sie verfügt über 22 Register und 2 Manuale und klingt bis heute durch das gesamte Kirchenschiff.
  • Das Gehäuse orientiert sich am Vorgängerinstrument von 1832 – also jenem Instrument, das man kurz nach dem Turmneubau anschaffte.

Wann restaurierte man die Kirche zuletzt?

  • Von 1959 bis 1964 restaurierten Handwerker die gesamte Kirche und erneuerten dabei das Außenmauerwerk grundlegend.
  • 1984 feierte die Gemeinde das 500-jährige Jubiläum – und restaurierte dazu den Turm.
  • Weitere Arbeiten folgten bis 2001. Damals strich man auch den Innenraum neu aus: hell, klar und die Architektur betonend.
  • Die modernen Anbauten – Seitenportalvorbauten und Taufkapelle – entstanden bereits 1938 und 1939.

Quellen: Eva-Maria Willemsen in: Denkmäler und Kultur – Bau- und Kunstdenkmäler, Gemeinde Brüggen. Pfarrarchiv Bracht (PfaB), Gemeindearchiv Brüggen (GABr).